Über das Projekt

Wien. Krankensaal 1945

Das Projekt „Wien. Krankensaal 1945“ verbindet historische Forschung, kulturelle Vermittlung und künstlerische Interpretation. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs aufgrund einer psychischen Erkrankung in der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie behandelt wurden. Ihre vielschichtigen Erfahrungen sollen sichtbar gemacht werden, um einen Raum für Erinnerung, Reflexion und Dialog zu öffnen. Es sind diese Biografien, die man unter "Geschichten" nachlesen kann.

Psychiatrische Krankengeschichten enthalten nicht nur medizinische Diagnosen, sondern auch persönliche Schilderungen: Gefühle, Ängste, Hoffnungen, Erinnerungen und Sorgen. Grundlage der Forschung war die intensive Arbeit mit diesen wertvollen Quellen im Wiener Stadt- und Landesarchiv sowie weiterführende Recherchen zur damaligen psychiatrischen Klinik, zu den dort tätigen Ärzt:innen und zu den Lebensbedingungen in Wien nach Ende des Kriegs 1945. Ziel des Projekts ist, neben der wissenschaftlichen Auswertung, Einblicke in das Wiener "Seelenleben" für eine interessierte Öffentlichkeit zu geben.

Schnell hat sich gezeigt, dass die Biografien der Patient:innen durchdrungen waren von oft – sehr unterschiedlich gelagerten – leidvollen Erfahrungen aus der Zeit des Kriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich. In den großen Krankensälen begegneten sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen: „Ausgebombte“, Angehörige Gefallener oder Vermisster, Kriegsheimkehrer, Kriegsversehrte, Widerstandskämpfer:innen, KZ-Überlebende, NSDAP-Mitglieder, Zwangssterilisierte, vergewaltigte Frauen, Flüchtlinge, unversorgte betagte Menschen u.a. Ihre gemeinsame Unterbringung in der Klinik wirft die grundsätzliche Frage auf, wie sich diese Menschen begegneten. Gab es Interaktionen zum Beispiel zwischen KZ-Überlebenden und NSDAP-Mitgliedern, die versucht hatten sich bei oder nach Einmarsch der Roten Armee umzubringen und deshalb aufgenommen waren? Sprachen die Menschen über ihre Erfahrungen, über Verlust, Schuld und Verantwortung? Wie blickten sie auf ihre unmittelbare Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft?

Aus der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen entstand der Wunsch nach einem künstlerischen Zugang: Die Schriftstellerin Eva Schörkhuber verfasste auf Basis der wissenschaftlichen Vorarbeiten von Katja Geiger-Seirafi und Ina Markova ein Theatermanuskript. Darin werden mögliche Begegnungen, Spannungen und innere Konflikte literarisch verdichtet, um eine Annäherung an das emotionale Erleben von Menschen am Beginn der Zweiten Republik zu versuchen.

Ein zentraler Bestandteil des Projekts ist auch diese Website, mit der es ermöglicht werden soll, sich mit individuellen Erfahrungen ausgewählter Personen näher auseinanderzusetzen. Einige der hier vorgestellten Geschichten sind auch ins Theaterstück und in eine von Julia Jost dramaturgisch aufbereitete Lesung eingeflossen. Alle Biografien wurden sorgfältig anonymisiert, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu schützen.